Waldschule goes Poetry

 

15 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe nutzten am 26. Mai die Gelegenheit, an einer digitalen Lesung mit Schreibworkshop ›Sehen heißt ändern. Wie Sprache das Bewusstsein verändert‹ von Marica Bodrozic teilzunehmen.

Marica Bodrozic hat aus ihrem in diesem Frühjahr erschienen neuen Werk „Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge“ gelesen, das laut NDR Kultur zu den „wichtigsten literarischen Ereignissen des Jahres“ zählt. In ihm reflektiert sie in Anlehnung an Rilkes Gedicht „Der Panther“ das vergangene Pandemiejahr. Besonders spannend war es zu hören, dass Bodrozic die Reduktion der Lebensmöglichkeiten anders als die meisten Menschen nicht nur als Einschränkung und Verlust empfunden hat, sondern sie vor allem als Chance zur vertieften Auseinandersetzung mit sich selbst begriffen hat: „Pantherzeit ist Seelenzeit.

Der für sie beste Weg, die innere Landschaft zu erkunden, liegt im Schreiben. Und so forderte sie auch die Teilnehmer*innen auf, sich schreibend ihren Erinnerungen zu nähern. Entstanden sind beindruckende kleine Texte, von denen zwei unten zu lesen sind.

„Ich fand die Veranstaltung fantastisch“, fasst Jumana aus der Q1 ihre Eindrücke zusammen, „es war interessant, lehrreich und es war wirklich entspannend, sich mal kreativ zu beschäftigen.“

Die Veranstaltung bildete gleichzeitig den Auftakt des diesjährigen Bremer Literaturfestivals „Poetry on the road“(https://www.poetry-on-the-road.com/). Wir möchten der Organisatorin Regina Dyck ausdrücklich für die tolle Gelegenheit, dabei zu sein, danken!

 

Ich erinnere mich…von Jumana A.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als mein kleiner Bruder mich beim Namen nannte. Wie alt war er nochmal?

‌Ich erinnere mich an den Geruch des Regens im Sommer. Komisch wie lebendig alles ist.

‌Ich erinnere mich an alle Stellen, die meine Mutter benutzte, um unsere Geschenke zu verstecken. Sie dachte, es wäre schlau, sie auf den Schrank zu legen. Dabei bin ich viel größer als sie.

‌Ich erinnere mich an unseren alten Holzschrank im Wohnzimmer. Helles Holz. Massive Eiche. Geschenke dekorierten die Spitze.

‌Ich erinnere mich an alle Songs, die ich je hörte. Triefende Traurigkeit versteckte in einer Melody mit Ohrwurm Potential.

‌Ich erinnere mich an die Krone, die ich zum Abschlussball trug. Bordeaux-rotes Kleid mit passenden Lack-Schuhen, eine rosa-goldenen Krone und der Hauch von Hoffnung.

‌Ich erinnere mich, dass ,,Wunderbar” der leckerste Schokoriegel ist. Der Geruch wie ein Kindergeburtstag im Herbst.

‌Ich erinnere mich, dass es keinen Gott gibt, der sich anhört, was Kinder zu ihr sagen.

‌Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich starb. Nicht ein Tropfen viel vom Himmel. Die Sonne stand hoch und ich vergaß meine Wasserflasche.

‌Ich erinnere mich, dass ich mich nicht erinnere. Und ich wünschte ich könnte.

 

Ich erinnere mich… von Larissa K.

 

…an die Zeit vor Corona, was ich gemacht habe, wie es mir sowohl psychisch als auch physisch ging und wie lange es her ist. Erst jetzt verstehe ich, es nicht als Selbstverständlichkeit hinzunehmen, dass ich all meine Freunde und Mitschüler, jeden Tag sehen konnte, ebenso wie meine Familie.

…an den Tag, als ich im Krankenhaus lag. Ich hatte so viel Angst und musste so sehr weinen, dass ich meine Umgebung kaum merklich wahrnahm. Allerdings war ich nicht allein. Ich hatte Unterstützung und dies gab mir unterbewusst viel Kraft.

…an den heutigen Unterricht und was ich mir davon alles überhaupt noch gemerkt hatte. Die Atmosphäre zwischen Schülern und Lehrern lasst sich am besten beschreiben, wie etwas, dass trotz großer Erwartungshaltungen entspannt war und mir eine lange Zeit gefehlt hat.

…an einen meiner schönsten Urlaube. Sonne, Meer und weißer Sandstrand. Diese Aussicht und dieses Gefühl noch einmal mit meinen eigenen Augen wahrzunehmen, wäre unglaublich schön. Viele fremde Menschen waren an diesem Ort und man hatte die Freiheit, etwas oder jemand Neues kennenzulernen.

…an den Tag, als ich bei meiner Oma im Garten lag. Es war so schön und friedlich und ich hatte für einen Moment den Kopf von allem komplett frei. Ich brauchte nichts weiter.

…daran, wie aufgeregt ich vor wichtigen Ereignissen (Arbeiten, Fahrprüfung, etc.) war und es auch immer noch bin. Es geht mir schlecht und ich mache mir selbst viel zu viel Stress.

…wie leicht das Leben gelaufen ist, als man noch jünger war. Ich hatte weniger Verantwortung zu tragen und andere haben nicht so große Leistungen erwartet.

…an meine Träume. Manchmal stelle ich mir dort meine Zukunft vor und ob mein Leben später wohl einmal so (ähnlich) sein wird. Ich rede nicht besonders gern darüber, weil es später auch ganz anders aussehen kann, aber für mich ist es einfach ein schönes Gefühl. Nicht zu wissen, was einen als nächstes erwartet, ist vollkommen normal, aber sich auszumalen, was passieren könnte… An diesem Punkt erkennt man die Vielfalt der Menschen, denn für mich ist es eine Form der Kreativität, eine Art sich selbst richtig wahrzunehmen.