Wischen über Bildschirme die neue Art der Bewegung

Karsten Hollmann

Mittwoch, 15. Februar: Ich bin Klassenlehrer einer 5. Klasse und im Sportbereich an der Waldschule Schwanewede tätig. Als Sportlehrer bemerkt man sofort die große Unterstützung, die wir als sportfreundliche Schule und europäische Umweltschule durch die Gemeinde erfahren. Die gut gepflegten Hallen einschließlich Stadion und Schwimmbad sind schon vorzeigbar. Mit einer 7. Klasse erarbeite ich heute die ersten Grundlagen des Parcours. In der 5. ­Klasse kommt einmal mehr die Internetnutzung zur Sprache. Es handelt sich dabei um ein ­Thema, das mich zehn Jahre nach Einführung des Smartphones verstärkt beschäftigt. Auch wenn die Nutzung von Whatsapp erst ab 13 Jahre gestattet ist, nutzen es fast alle in der Klasse und beschweren sich über den Müll, den jeder hineinschreibt. Wir besprechen sinnvolle Regeln und wählen einen Internetdienst, um die schlimmsten Auswüchse eindämmen zu können. Mit großem Interesse lese ich nach der Schule den Arti­kel „Kindheit ohne Computer“ von Gerald Lembke im Weser-Kurier und bin dankbar für die klaren und kritischen Aussagen des Autors. Am Nachmittag steht das U16- und U18-Training im Basketball an.

Eugen Rolf Jacob (59) trainiert die
Basketballer der Spielgemeinschaft
Blumenthaler TV/ TV Schwanewede.
Der Vater von Hanna (22)  und
­Tilman (20) ist mit Ute Brost liiert
und lehrt  an der Waldschule
Schwanewede die Fächer
Deutsch, Mathematik und Sport.

Donnerstag, 16. Februar: Mein Schultag steht im Zeichen des Basketballs. Auffallend sowohl im Sportkurs der 10. Klasse als auch am Nachmittag in der AG ist der weitge­hende Mangel an Grundfertigkeiten wie ­sicheres Fangen und Passen. Ganz zu schweigen von taktischen Fähigkeiten wie Freilaufen, die wir früher im gemeinsamen Spiel im Garten oder auf dem Bolzplatz „so nebenbei“ erlernt haben, und die heute durch zärtliches Wischen über den Bildschirm nicht erlernt werden können. Dann genieße ich meinen einzigen trainings­freien Nachmittag bei der Gartenarbeit.

Freitag, 17. Februar: Bewegung und Zuwendung, insbesondere in den ersten drei Lebensjahren, ist die Grundlage für alles Lernen. Dies gilt sicherlich auch für die folgenden Jahre. Bis zum zwölften Lebensjahr kann man bei sechs Stunden pro Tag von über 26 000 Stunden freien Spiels ausgehen. Doch wenn sich in diesen Zeiträumen die Bewegung in Drücken von Knöpfen oder Wischen über Bildschirme erschöpft, können sich im kindlichen Gehirn nur sehr eingeschränkt Synapsen verbinden. Möglicherweise ist dies eine Erklärung dafür, dass ich zunehmend weniger „Haken im Gehirn“ der Schüler finde, an die ich das Einmaleins, die Rechtschreibung oder Bewegungsmuster hängen kann. Am Abend trainiere ich wieder die U 16 und U 18 sowie zusätzlich die Herren. Mann-gegen-Mann-Verteidigung und die Wiederholung der Angriffssysteme sind die Trainingsinhalte.

Sonnabend, 18. Februar: Am Vormittag informiere ich mich intensiv über die Münchener Sicherheitskonferenz, da mir die derzeitige politische Situation in Europa und der Welt große Sorgen macht. Um 13 Uhr folgt mein Pflichttermin: Ich höre den Beatclub auf Bremen I. Heute ist dies allerdings nur ausschnittsweise möglich, da wir uns auf dem Weg zum Auswärtsspiel der U 18 gegen Bremen 1860 machen. Dabei komme ich mit zwei Akteuren ins Gespräch, deren Mutter vor einem halben Jahr gestorben ist und denen mit ihren drei jüngeren Geschwistern trotz aller Schicksalsschläge im April die Abschiebung droht. Wir wollen versuchen, dieser sehr netten und absolut zuverlässigen Familie zu helfen. Die Mannschaft stellt sich von allein auf, da sich ­beide Spielmacher eine Magen-Darm-Erkrankung eingefangen haben. Die verbliebenen sechs Spieler können lange Zeit gut mithalten, sodass wir nur knapp verlieren. Der Sieg von Werder Bremen in der Fußball-Bundesliga in Mainz verbessert die Stimmung beträchtlich.

Sonntag, 19. Februar: Der Tag steht im Zeichen der Schule. Die Woche muss strukturiert, der Unterricht vorbereitet und eine Mathearbeit konzipiert werden. Am Nachmittag nehme ich das Spiel gegen Basketball Lesum Vegesack II in den Blick. Ein Lokalderby ist immer etwas Besonderes. Aber das Wichtigste ist das Heranführen der jüngeren Spieler an das Herrenniveau. Da es nur einen Absteiger gibt, können wir uns dieser Aufgabe in Ruhe stellen. Die Aufstellung bleibt aber eine Lotterie. Neben Verletzungen und grippalen Infekten macht mir ­heute der Magen-Darm-Virus Sorgen. So kommen neben zwei Herren- auch nur vier Nachwuchsspieler zum Treffpunkt. Wir zeigen ein erstklassiges erstes Viertel, müssen dann aber der körperlichen Überlegenheit und Abgeklärtheit des Gegners Tribut zollen.

Montag, 20. Februar: Heute stehen für mich und meine Klasse im Sport Balancieren und in Deutsch Märchen auf dem Stundenplan. Allerdings ist das zweite Halbjahr einer ­fünften Klasse geprägt von der Herausbildung einer neuen „Hackordnung“. Dies erfordert eine Menge an Gesprächen und Schlichtungen. Am späten Nachmittag liegt die Sportkonferenz an, sodass mein Sohn Tilman das U12-Training für mich übernimmt und außerdem das U16-/U18-Athletiktraining in der zweiten Halle mit beaufsichtigt. Ich stoße erst später zum Herrentraining dazu. Wir reflektieren das Spiel in Lesum und nehmen das kommende Wochen­ende ins Visier.

Dienstag, 21. Februar: Am späten Nachmittag findet das vielleicht wichtigste Training der Basketballabteilung in Kooperation mit der Grundschule Wigmodistraße als AG statt. Etwa 25 Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren mit gefühlt 20 unterschiedlichen nationalen Wurzeln sind begeistert beim gemeinsamen Basketballspielen. Unsere aus dieser AG erwachsene U 12 hat im vorletzten Spiel schon 58 Punkte erzielt. Aus dieser seit über 25 Jahre bestehenden AG stammen übrigens auch Acha Njei, der für Frankfurt und Vechta in der Bundesliga spielte, sowie Lukas Köhler, der zurzeit bei den Weser Baskets in der Regionalliga im Einsatz ist. Wenn alle Blumenthaler/Schwaneweder Spieler der letzten 25 Jahre eine Mannschaft bilden würden, wären wir sicherlich mindestens in der Oberliga. Aber dies geht sicher vielen Vereinen so. 

DIE NORDDEUTSCHE, 22.02.2017

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