Theater-AG sucht Auftrittsort

Nach Sperrung der Waldschulbühne
Die Theatergruppe der Waldschule in Schwanewede hat ein neues Stück. Aber keine Bühne mehr, um es vor größerem Publikum aufführen zu können.

Erst Kino, dann Veranstaltungssaal für Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen: Der Palette in Schwanewede droht das Aus. (DORIS FRIEDRICHS)

Alexander Bösch
Fast zwei Jahre lang hatten sie Texte gepaukt, Requisiten besorgt, sich in die unterschiedlichen Charaktere hineinversetzt. Wie ihre Vorgänger, hatten sich die Oberstufenschüler der Theatergruppe der Waldschule darauf gefreut, ihr aktuelles Stück in der Palette aufzuführen. Doch am Ende reichte es für „Jekyll and Hyde“ nur für eine Aufführung in der Begegnungsstätte im kleinen Kreis vor Verwandten und Freunden.

„Das war letztendlich auch schön. Viele Schüler waren aber enttäuscht und wollten erst gar nicht auftreten“, erinnert sich Mareike Metschulat. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen leitet sie seit zwölf Jahren die Theater­gruppe der angehenden Abiturienten. Eigentlich wollte die Theater-AG ihre aktuelle Inszenierung auch in diesem Jahr wieder in der Palette aufführen. Wegen eines Brands stand der Veranstaltungssaal in der Danziger Straße jedoch nicht zur Verfügung. Fieberhaft wurde nach Alternativen gesucht. Doch auch die Bühne in der Waldschule schied als Ersatz aus. Wegen Beanstandungen des Tüvs mit Blick auf die Sicherheitsvorschriften ist die Bühne seit einigen Monaten nicht mehr bespielbar.

Dorphuus scheidet aus
„Wir haben es noch beim Meyenburger Dorp­huus und in der Schützenhalle versucht, da war kurzfristig nichts zu machen“, erinnert sich Metschulat. Damit die Arbeit für die Akteure nicht völlig umsonst war, entschied man sich letztlich für die „abgespeckte“ Aufführung ohne elektrische Verstärkung in der Begegnungsstätte. Geht es nach Mareike Metschulat, ist die Palette als Kulturstätte für Schwanewede ohnehin unübertroffen: „Hier gibt es eine gute Akustik, aufsteigende Stuhlreihen wie im echten Theater, und wir konnten immer zwei Wochen vor den Aufführungen ins Gebäude zum ­Proben!“

„Schwanewede braucht unbedingt eine Bühne“, findet Mareike Metschulat, hier auf der momentan außer Betrieb befindlichen Bühne in der Orientierungsstufenaula der Waldschule. Die Produktionen der von ihr geleiteten Theater-AG wurden zwölf Jahre lang in der Palette gezeigt. (Alexander Bösch)

„Schwanewede braucht unbedingt eine Bühne“, findet Mareike Metschulat, hier auf der momentan außer Betrieb befindlichen Bühne in der Orientierungsstufenaula der Waldschule. Die Produktionen der von ihr geleiteten Theater-AG wurden zwölf Jahre lang in der Palette gezeigt. (Alexander Bösch)
Josef Franke sieht das ein wenig anders. Franke ist vormaliger Pächter und seit Oktober 2014 Besitzer der als „Soldatenheim“ bekannten Immobilie. Zu dem Komplex, den er von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (EAS) gekauft hat, zählen ein Restaurant, ein Hotel, Tagungsräume – und eben die Palette. Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren war die Palette mit ihren 310 Plätzen ein beliebtes Kino. Anfang des Jahrtausends gab es eine kurzfristige Wiederbelebung als Verzehrkino. Später fanden hier unregelmäßige Veranstaltungen statt, etwa durch plattdeutsche Bühnen oder die Theater-AG.

Jetzt aber möchte sich Franke nach Möglichkeit von dem in die Jahre gekommenen Saal trennen. „Das Gebäude ist nicht gut isoliert. Im Winter muss man 24 Stunden am Tag heizen und friert trotzdem“, weiß Franke und beziffert die laufenden monatlichen Kosten auf 300 Euro. Technik und Lichtsysteme seien veraltet, Halterungen im Bühnenbereich marode und viele Sessel kaputt. „Im Dunkeln sieht man das ja nicht, aber auf dem Boden kleben teilweise Kaugummis aus 40 Jahren“, sagt der Hotelier. „Ich habe mal ein professionelles Reinigungsteam zur Probe mit der Teppichreinigung beauftragt, die haben nach einem Quadratmeter aufgegeben“, erinnert er sich.
Obwohl er mit der Theater-AG gut zusammengearbeitet habe, hat er Versuche, die Palette durch Veranstaltungen mit „Event-Charakter“ zu einer auskömmlich gebuchten Spielstätte zu erweitern, nicht in bester Erinnerung. So etwa beim Public Viewing zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010: „Nur Ärger! Die Jugendlichen haben ihre Getränke im Rucksack mitgebracht, und am Ende hatten wir statt der erlaubten 310 Gäste 505 Leute im Saal.“

Einen Bauunternehmer habe er wegen eines eventuellen Verkaufs bereits kontaktiert: „Da besteht kein Interesse!“ Aber auch seitens der Gemeinde besteht derzeit keine Absicht, die Immobilie zu erwerben. „Wir stehen mit der Waldschule im Gespräch über eine konzeptuelle Entwicklung einer neuen Bühne. Aber es gibt keinerlei politisches Bestreben, die Palette zu kaufen“, beteuert Kämmerer Jens Bunk. Bis zu 200 000 Euro, schätzt Franke, müssten ohnehin erst einmal in die Sanierung des Saals gesteckt werden. Als es zu Pfingsten zum Brand im Raum mit der Bühnentechnik kam – mutmaßlich durch eine Verpuffung der Batterien für die Rauchabzugsanlage – habe Franke den Vorfall zum Anlass genommen, den Betrieb in der Palette mit sofortiger Wirkung einzustellen. „Zum Ende des Jahres hatte ich das sowieso vor, das wurde jetzt vorgezogen“, erklärt der Gastronom.

Bis zum Februar dieses Jahres war immerhin die Bühne in der Orientierungsstufenaula der Waldschule intakt. Die Theatergruppe der 5. bis 9. Klassen hatte dort noch im Februar vier Vorstellungen des futuristischen Stücks „Zeitenzauber“ gespielt. Kurz danach war Schluss. Galgen, Vorhänge und Traversen wurden durch den Tüv abgebaut. Ein rotweißes Band hindert die in den benachbarten Räumen lernenden Kinder seither, die Bühne zu erklimmen. Schon des Öfteren sei der mangelnde Brandschutz bemängelt worden. Dieser habe aktuellen Bestimmungen nicht mehr entsprochen.
So habe die bei öffentlichen Aufführungen nötige Entrauchungsanlage gefehlt. Nach den Sommerferien soll die Bühne jedoch wieder in Betrieb genommen werden. „Da wird sich auf jeden Fall etwas tun, damit man zu einer Lösung kommt. Die Gemeinde und die Schule befinden sich in Gesprächen“, verrät Jens Bunk. Bei einer neuen Bühne, findet Mareike Metschulat, solle unbedingt die Möglichkeit bestehen, Requisiten auch einmal unbeaufsichtigt herumstehen zu lassen. Dies sei unmittelbar vor den Aufführungen in der O-Stufen-Aula schwierig gewesen: „Die Kinder wuseln dort natürlich ständig herum.“
Palette die Ideallösung

Für Matthias Greving bleibt die Palette trotz aller Unkenrufe die ideale Lösung, wenn es um einen Kulturstandort für Schwanewede geht. Der Pastorensohn wirkte mit viel Herzblut in etlichen Stücken der Theater-AG wie in „Romeo und Julia“ mit und arbeitet heute als Regisseur und Produzent für „Cinemascope Film“. Als der inzwischen gestorbene Berliner Kulturschaffende Klaus Doßmann und einige seiner Mitstreiter mit Unterstützung der Bundeswehr die Firma „Get“ gründete, um einen permanenten Spielbetrieb in der Palette zu organisieren, war Greving mit von der Partie.
Ein Büro im Soldatenheim war bereits zugesichert worden, mit einem Gastspiel der Berliner „Wühlmäuse“ hatte man bereits Erfolge gefeiert. Doch der Verein löste sich bereits 2007 wieder auf. Greving schätzt den Sanierungsbedarf auf 450 000 Euro. Trotzdem sieht er die Palette als optimale Kulturstätte für Schwanewede an. „Es müsste eine Mischkalkulation geben, mit einer Nutzung der Waldschule, von Vereinen und privaten Nutzerm, an denen sich die Kommune und das Land beteiligen. Und es müsste jemanden geben, der sich der Sache annimmt.“

Die Norddeutsche 14.07.2016