Schülerprojekt über italienische Militärinternierte in der NS-Zeit wird in Tutzing geehrt

Auszeichnung für „In Ricordo“

Für ihr Geschichtsprojekt über das Schicksal ehemaliger italienischer Militärinternierter in Deutschland zur Zeit des Zweiten Weltkrieges ist eine Schülergruppe aus Bremen und Schwanewede im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs „Demokratisch Handeln“ ausgezeichnet worden. 

Die Tagebuchaufzeichnungen des Kriegsgefangenen Elio Materassi dienten den Schülern als Ausgangspunkt für ihr Geschichtsprojekt „In Ricordo“, für das sie jetzt ausgezeichnet worden sind. Unser Foto zeigt einen Teil der Gruppe mit Angehörigen der Familie Materassi. GKE· (Gabriela Keller) 

Am Beispiel des Kriegsgefangenen Elio Materassi befassten sich die Schüler aus der Waldschule Schwanewede, vom Schulzentrum Lerchenstraße in Aumund sowie von den Oberschulen Kurt-Schumacher-Allee und Wilhelm Focke mit der Geschichte der italienischen Militärinternierten. In der historischen Aufarbeitung der Nazi-Gräuel hat diese Gruppe von Opfern bislang wenige Beachtung erfahren.

Elio Materassi war im Alter von 21 Jahren in deutsche Gefangenschaft geraten, nachdem Italien im September 1943 das Bündnis mit Hitler-Deutschland aufgekündigt hatte. Von November 1943 bis Mai 1945 war er im Lager Heidkamp in Schwanewede interniert und musste für den Bau des U-Boot-Bunkers „Valentin“ in Farge schuften. Seine Kriegserlebnisse hielt er in einem Tagebuch fest. Nach dem Tod Elio Materassis im Jahr 2011 begaben sich sein Sohn Orlando und seine beiden Enkel Yuri und Nicola auf Spurensuche in Deutschland. In der Gedenkstätte „Baracke Wilhelmine“ auf dem ehemaligen NS-Lagergelände in Neuenkirchen überreichten sie eine Kopie des Tagesbuches. Die Aufzeichnungen dienten den Schülern als Ausgangspunkt für ihr Geschichtsprojekt „In Ricordo“ (In Erinnerung). Der Titel ist einer Fotoausstellung entlehnt, mit der Yuri Materassi 2013 im Rathaus Schwanewede den Leidensweg seines Großvaters dokumentierte. Für ihr außerschulisches Projekt, das vom Verein Heimatfreunde Neuenkirchen als Betreiber der Gedenkstätte „Baracke Wilhelmine“ und dem Denkort Bunker Valentin initiiert wurde, führten die Schüler außerdem Interviews mit Nachfahren italienischer Militärinternierter und recherchierten in Archiven. Zu einer persönlichen Begegnung mit der Familie Materassi kam es im Jahr 2015 in Bremen. In der „Baracke Wilhelmine“ und an anderen historischen Orten informierten sich die Schüler über die Rolle des U-Boot-Bunkers „Valentin“, Bau und Funktion der verschiedenen Lager, Lebens- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge. Die Ergebnisse ihres Projektes präsentierten sie in einer Ausstellung und einem Film.

Für ihr Engagement wurde die Gruppe jüngst in Tutzing neben 47 weiteren Wettbewerbsprojekten mit einer Urkunde geehrt. Die Auszeichnung war Teil einer mehrtägigen Veranstaltung, bei der die Wettbewerbsteilnehmer ihre herausragenden Projekte vorstellten. Dazu gab es Workshops mit Experten zu politischen Themen und Gesprächsrunden mit Politikern.

Der Wettbewerb „Demokratisch Handeln“ sucht Beispiele für Demokratie. Die neue Ausschreibung ist angelaufen. Beteiligen können sich Schüler allgemeinbildender Schulen. Einsendeschluss für Projekte ist der 30. November 2016. Informationen und Bewerbungsunterlagen gibt es unter www.demokratisch-handeln.de.

© Die Norddeutsche, 24.06.2016